Am Boden liegende, mehrteilige Skulpturen, deren Formen sich in der Horizontale ausbreiten und mit dem jeweiligen
Untergrund korrespondieren, sowie diesen in die Gestaltung der Skulptur einbeziehen, beschäftigen die in Schottland
ausgebildete Künstlerin schon seit einigen Jahren. „Unter der Erde“ nannte Sibylle von Halem ihre 2003 im Krastal entstandene
Skulptur, deren Einzelteile nur 30 cm hoch sind. Die Bearbeitung der Steinoberfläche bezog sich - ohne jedoch
zu illustrativ zu werden - auf das vielfältige Leben unter dem Gras: auf Wasseradern, Tiere und Wurzeln. Die formale
Gestaltung der Skulptur stand im Vordergrund - die Einarbeitungen in die Oberfläche blieben reduziert. Andere
Steinarbeiten, wie die Ionische Säule für die Hughson Gallery oder die während des diesjährigen Symposions entstandenen
Puzzlesteine, gehen von einem bekannten Formenrepertoire aus, um dieses jedoch durch die künstlerische
Bearbeitung von der vertrauten Wahrnehmung zu lösen. Die einzelnen Bauteile sind zwar vorhanden, wie die
Kanneluren oder die Voluten der Säule, wie die äußere Form des Puzzlesteins, sie sind jedoch von jeder strengen
Ordnung befreit und neu interpretiert. Eine Bodeninstallation mit Puzzlesteinen aus Ziegelton fertigte die Künstlerin
erstmals für ein Kunst am Bau-Projekt in Schottland an. Bereits damals beschäftigte sie vor allem die Idee des
Ineinandergreifens einzelner Skulpturenteile, sowie die Überlegung, dass die Puzzlesteine aus einer offenen Grundform
bestehen und, insofern keine Ecksteine vorhanden sind, auch keine abgeschlossenen Rechtecke mit glatten Kanten bilden.
Stets bleiben „missing pieces“ - anwesend durch ihre Abwesenheit. Die Skulptur kann dadurch fiktiv in den
Gedanken des Betrachters, als auch faktisch durch die Künstlerin selbst jederzeit in alle Richtungen erweitert werden,
bleibt jedoch definiert durch den vorgegebenen Raster. Die Flexibilität der einzelnen Teile, gemäß der, je nachdem an
welchem Ort die Arbeit aufgestellt wird, mehr oder weniger Puzzlesteine zueinander gefügt werden können, bringt
eine für die Steinskulptur nicht unbedingt übliche Mobilität ins Spiel. „Ich habe, allein durch mein derzeitiges Leben
zwischen den Orten, nicht mehr die Gewissheit für eine runde, abgeschlossene Form“, verbindet Sibylle von Halem die
Grundidee der flexiblen Skulptur mit ihrer eigenen Biographie. Das Arbeiten mit einer bekannten Form, die aus dem
Bereich des Alltäglichen kommt, stellt eine Gratwanderung entlang des Trivialen dar, die Sibylle von Halem durchbricht,
indem sie einzelne Puzzlesteine wie ein geologisches Relief in die Höhe modelliert, bewusst Bruchsteine verwendet und
schiefe Ebenen in den Raster einzieht. Die Oberflächen, wie auch die Kanten, sind nicht glatt poliert und damit "perfekt",
sondern grob bearbeitet. Die Beschaffenheit und die Bearbeitung dieser Flächen sind der Künstlerin stets besonders
wichtig. Ähnlich wie in ihren Objektarbeiten und Installationen aus Latex stehen diese auch bei ihren
Steinskulpturen für die nach außen gewandte Hülle, für das Sichtbare, das verbirgt und schützt, was darunter liegt.